{"id":936,"date":"2018-01-26T18:20:15","date_gmt":"2018-01-26T18:20:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bea.jetzt\/?p=936"},"modified":"2025-04-17T10:02:53","modified_gmt":"2025-04-17T10:02:53","slug":"waldeinsamkeit-heinrich-heine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bea.jetzt\/?p=936","title":{"rendered":"Waldeinsamkeit (Heinrich Heine)"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"HEINRICH HEINE - WALDEINSAMKEIT\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/YihPIlDnnic?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Ich hab in meinen Jugendtagen<br \/>\nWohl auf dem Haupt einen Kranz getragen;<br \/>\nDie Blumen gl\u00e4nzten wunderbar,<br \/>\nEin Zauber in dem Kranze war.<\/p>\n<p>Der sch\u00f6ne Kranz gefiel wohl allen,<br \/>\nDoch der ihn trug, hat manchem mi\u00dffallen;<br \/>\nIch floh den gelben Menschenneid<br \/>\nIch floh in die gr\u00fcne Waldeinsamkeit.<\/p>\n<p>Im Wald, im Wald! da konnt ich f\u00fchren<br \/>\nEin freies Leben mit Geistern und Tieren;<br \/>\nFeen und Hochwild von stolzem Geweih,<br \/>\nSie nahten sich mir ganz ohne Scheu.<\/p>\n<p>Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis,<br \/>\nSie wu\u00dften, das sei kein schreckliches Wagnis;<br \/>\nDa\u00df ich kein J\u00e4ger, wu\u00dfte das Reh,<br \/>\nDa\u00df ich kein Vernunftmensch, wu\u00dfte die Fee.<\/p>\n<p>Von Feenbeg\u00fcnstigung plaudern nur Toren &#8211;<br \/>\nDoch wie die \u00fcbrigen Honoratioren<br \/>\nDes Waldes mir huldreich gewesen, f\u00fcrwahr,<br \/>\nIch darf es bekennen offenbar.<\/p>\n<p>Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert!<br \/>\nEin luftiges V\u00f6lkchen! das plaudert und schnattert!<br \/>\nEin bi\u00dfchen stechend ist der Blick,<br \/>\nVerhei\u00dfend ein s\u00fc\u00dfes, doch t\u00f6dliches Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Erg\u00f6tzten mich mit Maitanz und Maispiel,<br \/>\nErz\u00e4hlten mir Hofgeschichten zum Beispiel:<br \/>\nDie skandalose Chronika<br \/>\nDer K\u00f6nigin Titania.<\/p>\n<p>Sa\u00df ich am Bache, so tauchten und sprangen<br \/>\nHervor aus der Flut, mit ihrem langen<br \/>\nSilberschleier und flatterndem Haar,<br \/>\nDie Wasserbacchanten, die Nixenschar.<\/p>\n<p>Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen,<br \/>\nDas war der famose Nixenreigen;<br \/>\nDie Posituren, die Melodei,<br \/>\nWar klingende, springende Raserei.<\/p>\n<p>Jedoch zuzeiten waren sie minder<br \/>\nTobs\u00fcchtig gelaunt, die sch\u00f6nen Kinder;<br \/>\nZu meinen F\u00fc\u00dfen lagerten sie,<br \/>\nDas K\u00f6pfchen gest\u00fctzt auf meinem Knie.<\/p>\n<p>T\u00e4llerten, trillerten welsche Romanzen,<br \/>\nZum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen,<br \/>\nSangen auch wohl ein Lobgedicht<br \/>\nAuf mich und mein nobeles Menschengesicht.<\/p>\n<p>Sie unterbrachen manchmal das Gesinge<br \/>\nLautlachend, und frugen bedenkliche Dinge,<br \/>\nZum Beispiel: \u00bbSag uns, zu welchem Behuf<br \/>\nDer liebe Gott den Menschen schuf?<\/p>\n<p>Hat eine unsterbliche Seele ein jeder<br \/>\nVon euch? Ist diese Seele von Leder<br \/>\nOder von steifer Leinwand? Warum<br \/>\nSind eure Leute meistens so dumm?\u00ab<\/p>\n<p>Was ich zur Antwort gab, verhehle<br \/>\nIch hier, doch meine unsterbliche Seele,<br \/>\nGlaubt mir&#8217;s, ward nie davon verletzt,<br \/>\nWas eine kleine Nixe geschw\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen;<br \/>\nNicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen<br \/>\nTreuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist<br \/>\nDie, welche man Wichtelm\u00e4nnchen hei\u00dft.<\/p>\n<p>Sie tragen Rotm\u00e4ntelchen, lang und bauschig,<br \/>\nDie Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig;<br \/>\nIch lie\u00df nicht merken, da\u00df ich entdeckt,<br \/>\nWarum sie so \u00e4ngstlich die F\u00fc\u00dfe versteckt.<\/p>\n<p>Sie haben n\u00e4mlich Entenf\u00fc\u00dfe<br \/>\nUnd bilden sich ein, da\u00df niemand es wisse.<br \/>\nDas ist eine tiefgeheime Wund&#8216;,<br \/>\nWor\u00fcber ich nimmermehr sp\u00f6tteln kunnt.<\/p>\n<p>Ach Himmel! wir alle, gleich jenen Zwergen,<br \/>\nWir haben ja alle etwas zu verbergen<br \/>\nKein Christenmensch, w\u00e4hnen wir, h\u00e4tte entdeckt,<br \/>\nWo unser Entenf\u00fc\u00dfchen steckt.<\/p>\n<p>Niemals verkehrt ich mit Salamandern,<br \/>\nUnd \u00fcber ihr Treiben erfuhr ich von andern<br \/>\nWaldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu<br \/>\nDes Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.<\/p>\n<p>Sind spindeld\u00fcrre, von Kindesl\u00e4nge,<br \/>\nH\u00f6schen und W\u00e4mschen anliegend enge,<br \/>\nVon Scharlachfarbe, goldgestickt;<br \/>\nDas Antlitz kr\u00e4nklich, vergilbt und bedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Ein g\u00fcldnes Kr\u00f6nlein, gespickt mit Rubinen,<br \/>\nTr\u00e4gt auf dem K\u00f6pfchen ein jeder von ihnen;<br \/>\nEin jeder von ihnen bildet sich ein,<br \/>\nEin absoluter K\u00f6nig zu sein.<\/p>\n<p>Da\u00df sie im Feuer nicht verbrennen,<br \/>\nIst freilich ein Kunstst\u00fcck, ich will es bekennen;<br \/>\nJedoch der unentz\u00fcndbare Wicht,<br \/>\nEin wahrer Feuergeist ist er nicht.<\/p>\n<p>Die kl\u00fcgsten Waldgeister sind die Alr\u00e4unchen,<br \/>\nLangb\u00e4rtige M\u00e4nnlein mit kurzen Beinchen,<br \/>\nEin fingerlanges Greisengeschlecht;<br \/>\nWoher sie stammen, man wei\u00df es nicht recht.<\/p>\n<p>Wenn sie im Mondschein kopf\u00fcber purzeln,<br \/>\nDas mahnt bedenklich an Pissewurzeln;<br \/>\nDoch da sie mir nur Gutes getan,<br \/>\nSo geht mich nichts ihr Ursprung an.<\/p>\n<p>Sie lehrten mir kleine Hexereien,<br \/>\nFeuer besprechen, V\u00f6gel beschreien,<br \/>\nAuch pfl\u00fccken in der Johannisnacht<br \/>\nDas Kr\u00e4utlein, das unsichtbar macht.<\/p>\n<p>Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten,<br \/>\nSattellos auf dem Winde reiten,<br \/>\nAuch Runenspr\u00fcche, womit man ruft<br \/>\nDie Toten hervor aus ihrer Gruft.<\/p>\n<p>Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt,<br \/>\nWie man den Vogel Specht bet\u00f6rt<br \/>\nUnd ihm die Springwurz abgewinnt,<br \/>\nDie anzeigt, wo Sch\u00e4tze verborgen sind.<\/p>\n<p>Die Worte, die man beim Sch\u00e4tzegraben<br \/>\nHinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben<br \/>\nMir alles expliziert &#8211; umsunst!<br \/>\nHab nie begriffen die Schatzgr\u00e4berkunst.<\/p>\n<p>Wohl hatt ich derselben nicht n\u00f6tig dermalen,<br \/>\nIch brauchte wenig, und konnt es bezahlen,<br \/>\nBesa\u00df auch in Spanien manch luftiges Schlo\u00df,<br \/>\nWovon ich die Revenuen geno\u00df.<\/p>\n<p>Oh, sch\u00f6ne Zeit! wo voller Geigen<br \/>\nDer Himmel hing, wo Elfenreigen<br \/>\nUnd Nixentanz und Koboldscherz<br \/>\nUmgaukelt mein m\u00e4rchentrunkenes Herz!<\/p>\n<p>Oh, sch\u00f6ne Zeit! wo sich zu gr\u00fcnen<br \/>\nTriumphespforten zu w\u00f6lben schienen<br \/>\nDie B\u00e4ume des Waldes &#8211; ich ging einher,<br \/>\nBekr\u00e4nzt, als ob ich der Sieger w\u00e4r!<\/p>\n<p>Die sch\u00f6ne Zeit, sie ist verschlendert,<br \/>\nUnd alles hat sich seitdem ver\u00e4ndert,<br \/>\nUnd ach! mir ist der Kranz geraubt,<br \/>\nDen ich getragen auf meinem Haupt.<\/p>\n<p>Der Kranz ist mir vom Haupt genommen,<br \/>\nIch wei\u00df es nicht, wie es gekommen;<br \/>\nDoch seit der sch\u00f6ne Kranz mir fehlt,<br \/>\nIst meine Seele wie entseelt.<\/p>\n<p>Es glotzen mich an unheimlich bl\u00f6de<br \/>\nDie Larven der Welt! Der Himmel ist \u00f6de,<br \/>\nEin blauer Kirchhof, entg\u00f6ttert und stumm.<br \/>\nIch gehe geb\u00fcckt im Wald herum.<\/p>\n<p>Im Walde sind die Elfen verschwunden,<br \/>\nJagdh\u00f6rner h\u00f6r ich, Gekl\u00e4ffe von Hunden;<br \/>\nIm Dickicht ist das Reh versteckt,<br \/>\nDas tr\u00e4nend seine Wunden leckt.<\/p>\n<p>Wo sind die Alr\u00e4unchen? Ich glaube, sie halten<br \/>\nSich \u00e4ngstlich verborgen in Felsenspalten.<br \/>\nIhr kleinen Freunde, ich komme zur\u00fcck,<br \/>\nDoch ohne Kranz und ohne Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar,<br \/>\nDie erste Sch\u00f6nheit, die mir hold war?<br \/>\nDer Eichenbaum, worin sie gehaust,<br \/>\nSteht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.<\/p>\n<p>Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe;<br \/>\nAm einsamen Ufer sitzt eine Nixe,<br \/>\nTodbla\u00df und stumm, wie &#8217;n Bild von Stein,<br \/>\nScheint tief in Kummer versunken zu sein.<\/p>\n<p>Mitleidig tret ich zu ihr heran &#8211;<br \/>\nDa f\u00e4hrt sie auf und schaut mich an,<br \/>\nUnd sie entflieht mit entsetzten Mienen,<br \/>\nAls sei ihr ein Gespenst erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab in meinen Jugendtagen Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen; Die Blumen gl\u00e4nzten wunderbar, Ein Zauber in dem Kranze war. Der sch\u00f6ne Kranz gefiel wohl allen, Doch der ihn trug, hat manchem mi\u00dffallen; Ich floh den gelben Menschenneid Ich floh in die gr\u00fcne Waldeinsamkeit. 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